Wundersorgung - Abbinden

  • Wann ist es angezeigt dies zu tun und wann mache ich damit mehr kaputt als zu helfen?

    Muss es so ein professionelles Teil sein? Oder reicht es wenn ich mich als Laie auf mein BH Gürtel oder einen Cobra verlasse?

    semper paratus
    semper fidelis in familia
    semper verus est ipse

  • Als Jugendlicher bin ich durch eine Glastüren geflogen. Venöse Blutungen an zwei Einstiche. Dauerte aber eine gefühlte Ewigkeit bis es anfing zu fließen. Mein Vater rettete mir damals das Leben, da er die Verletzungen abgebunden hat und mich die Sanis dann ins KH bringen könnten. Die wären zu spät gewesen.

    Als ich mir allerdings das Knie mit dem Bowie bearbeitet habe und da reflexartig den Gürtel genommen hab um anzubinden. Wusste noch nicht was ich alles erwischt hatte. Hat mir nachher der gerufene Nachbar = Sani erst versorgt hat, meinte dieser ich soll den sofort abmachen. Mit abbinden mach ich mehr kaputt als es hilft.
    Vielleicht meinte er auch nur auf die Verletzung bezogen.

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  • Ganz generell ist die Abbindung ein ziemlich übles Ding, das viel Schaden anrichten kann, jedoch manchmal lebensnotwendig ist, um den Tot an sich zu verhindern.
    Man darf nicht vergessen: durch die Abbindung an sich, macht man die wichtige Versorgung eines kompletten Körperteiles mit Nährstoffen und Sauerstoff dicht. Gesund ist anders :-)
    Jedoch hats natürlich auch keinerlei Sinn, einen kaputten Gartenschlauch unendlich lange mit noch mehr Wasser befüllen zu wollen, wenn man nur ein paar Liter davon hat. Das wird dann sonst sehr schnell weggeschüttet sein.

    Aus der professionellen Sicht: wenn man nicht gerade in einem Kriegsgebiet lebt, werden 90% (eher 95%) der Wunden, die sich im Alltag da so auftun mit einem guten Druckverband effizient versorgen lassen. Ich selber habe in 19 Jahren Rettungsdienst so selten Abgebunden, dass ich es an einer Hand abzählen kann (Nur da war es auf den ersten Blick hin bereits glasklar, dass es diese braucht).

    Die überall mittlerweile bekannten TQ´s sind natürlich ein adäquates Mittel und lassen sich sehr einfach einsetzen (Übung ist aber auch hier immer essentiell). Nur wird dadurch die "Hemmschwelle" abzubinden bei Fällen, bei denen ein kurzfristiger Fingerdruck in Verbindung mit einem guten Druckverband ausreichen würde, heruntergesetzt und man bindet ab, obwohl man es evtl. gar nicht müsste. Ich hab entsprechendes Material in meinem IFAK dabei - aber habe großen Respekt vor einer Anwendung und hab es nicht umsonst in einer eigenen Sektion die "Critical Bleeding" heisst - extra getrennt von einer normalen Wundversorgung.

    viribus unitis - acta non verba

  • Ich würde es für mich so definieren: Wenn es die einzige Möglichkeit ist, eine starke Blutung innerhalb kürzester Zeit zu stoppen und damit definitiv die Gefahrensituation des zu starken Blutverlustes und des dadurch auftretenden hypovolämischen Schockzustandes abzuwenden: passt.

    Wie gesagt: wird aber nicht oft vorkommen, ausser man ist in Kriegsgebieten unterwegs. Ein Druckverband reicht auch bei stark blutenden Wunden oft bestens aus. Abbinden wäre eher indiziert, wenn die Wunde ein größeres Areal betrifft bzw. ein Körperteil (Teil-)amputiert wurde und deswegen das Wundareal selber nur schwer mit einem Druckverband zuzumachen ist. Auch eine Arterielle Blutung eines wirklich größeren Gefäßes (z.b. Oberschenkelarterie) wird sich von einem Druckverband nicht wirklich beeindrucken lassen.

    Die eigentlich viel interessantere Frage, die man sich, in anbetracht des Themas "Prepping" stellen sollte ist: "Was mach ich eigentlich nach einer Abbindung, wenn es keinen Notfalldienst mehr gibt?"

    viribus unitis - acta non verba

  • Ich bin jetzt ein medizinischer Laie, aber auf meinen letzten 2 Kursen (Schießausbildung von BMI Trainern) habe ich folgendes gelernt:

    * WICHTIG: Das Abbinden mit einem TQ macht nur dann Sinn wenn ein Druckverband die Blutung nicht stoppt. In unserem Leben sollte das nur ganz selten der Fall sein.
    * Abbinden mit einem Gürtel bringt nichts, da kann man keinen Druck aufbauen.
    * Abbinden mit Draht oder Schnur macht alles kaputt, da der Druck zu kleinflächig verteilt ist.
    * Abbinden mit einem Tourniquet (TQ) immer beim Beginn Oberarm oder beim Beginn Oberschenkel, auch wenn die Wunde um Unterarm/Unterschenkel ist. Denn dort gibt es 2 Knochen, da kann man nicht ordentlich abbinden. Außerdem sind manche Arterien ziemlich gespannt und können bei einem Riss nach oben rutschen (Oberschenkelarterie??).
    * Das Abbinden mit einem TQ ist keine tödliche Sache und die ersten paar Stunden (!!) auch nicht gefährlich.
    * Selber das TQ dann nicht mehr öffnen, das soll ein Profi machen um das Blut wieder langsam zum fliessen zu bringen bzw. um zu verhindern das das "Gift" aus dem abgebundenen Körperteil sich zu schnell im restlichen Körper verteilt.
    * Ein TQ sollte mach sich auch selber anlegen können.
    * Man sollte immer 2 TQ dabei haben, falls das erste zu locker sitzt kann man das zweite einfach daneben nutzen.
    * Auch mit einem TQ muss man üben, sowohl bei anderen als auch bei sich selber.
    * Vorsicht vor billigen Produkten, die sind meistens mehr Schein als Sein. Besser in was hochwertiges investieren (z.B. CAT TQ).

    Am 27/28.04 habe ich einen TCCC Kurs, da werde ich das nochmal nachfragen.

    Wie gesagt, ich bin Laie und gebe nur mein Kurswissen weiter, falls es falsch ist gebt mir nicht die Schuld,

    Ich bin lieber auf etwas vorbereitet was nie passiert als nachher überrascht da zu stehen.

  • Grundsätzlich wird erst dann abgebunden, wenn keine andere Blutstillungsmaßnahme wie etwa der gute alte Druckverband oder Notfallverband eine "ausreichende" Blutstillung erreicht, wie etwa bei:

    Teil oder Ganzabtrennung einer Gliedmaße
    Verletzung der Arterie
    Einklemmung mit starker Blutung
    Bei mehreren Verletzten gleichzeitig

    Abbindung kann mir verschiedenen Hilfsmittel durchgeführt werden wie etwa einen Gürtel, Schlüsselband, Tourniquet etc. Unbedingt den Zeitpunkt der Abbindung dokumentieren.
    Optimal wäre es auch den Patienten darüber zu informieren, da dieses zusätzlich mit Schmerzen verbunden ist. Abbinden immer ca. 5cm ober der Wunde.

    Wichtige Erkennungsmerkmale:
    Die Farbe des Blutes kann bereits ein guter Gefahrenhinweis für den Ersthelfer sein!

    Venöses Blut = dunkleres Blut (rinnt meist mit weniger Druck)
    Arterielles Blut = helles Blut (spritzt oder tritt im Schwall aus)

    [[File:WIN_20190406_18_43_10_Pro.jpg|none|auto]]

  • Ich versuche nicht allzu viel bereits geschriebenes zu wiederholen, habe mir jedoch mal ein paar Gedanken zu diesem Thema gemacht und versuche sie verständlich rüber zu bringen.
    Zunächst sei einmal erklärt, dass die Methode des Abbindens keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist. Die Abbindung in der EH (Ersten Hilfe) gab es schon sehr lange und wurde auch in EH-Kursen unterrichtet. Da jedoch die Erfahrung zeigte, dass Laien zu schnell also unnötiger Weise abgebunden haben und dies mit falschen (zu schmalen) Gegenständen (zB Draht, Schnur, dünner Gürtel,...) ist die Abbindung aus dem Bereich der EH rausgefallen und war im RD (Rettungsdienst) auch lange verpönt, es sei denn bei einem Anfall von mehreren Verletzten, dem sogenannten GSE (Großschadensereignis).

    Die Erfahrungen der Amerikaner und anderer Armeen im Kriegseinsatz haben jedoch deutlich gemacht, dass 84% der im Kampf getöteten Soldaten bereits vor Erreichen einer medizinischen Einrichtung versterben. Und insgesamt 80% erleiden sofort tödliche Verletzungen, was bedeutet, dass 20% der Verwundeten Soldaten eine potentiell vermeidbare Todesursache erleiden. Diese teilen sich wiederum auf, wobei 63% verbluten, 30% einem Spannungspneumothorax erliegen, 6% einer Atemwegsverlegung und 1% an einer Wundinfektion versterben.

    Ua diese Zahlen haben dazu geführt sogenannte Tourniquets (TQ) zu entwickeln und diese auch "soldatensicher" zu gestalten, was nicht heißen soll, dass Soldaten dumm sind, aber einem gewissen Stress ausgesetzt sind, wenn sie ein TQ anlegen sollen. Bei dieser Berufsgruppe ist sprichwörtlich die Kacke am Dampfen, wenn sie verwundet werden, denn es fliegen ihnen die Projektile um die Ohren. Dann muss man alles im Schlaf beherrschen. Wir sprechen in diesem Fall auch von einer sogenannten "roten bzw. heißen Zone". In einer solchen Gefahrenzone ist das einzige Mittel, eine Blutung RASCH zu kontrollieren die Anlage eines TQ.

    Wie bereits ua von @Scavenger erwähnt lassen sich die meisten starken Blutungen jedoch durchaus mit einem Druckverband - der entweder selbst hergestellt wird mittels steriler Wundauflage, saugfähigem Druckkörper & elastischer Mullbinde bzw. Dreiecktuch oder man bedient sich eines vorgefertigten zB einer Emergency Bandage - beherrschen. Da die Anlage eines solchen Druckverbandes jedoch etwas Zeit in Anspruch nimmt, ist sie für eine Gefahrenzone bzw. rote/heiße Zone ungeeignet, im zivilen Bereich jedoch durchaus zu bevorzugen.

    Ein TQ soll im zivilen Bereich immer das Ultima Ratio sein, also erst zur Anwendung kommen, wenn sich ein Druckverband als sinnlos dargestellt hat, also wenn es durchblutet, trotz Anlage eines 2. Druckverbandes darüber, ohne den 1. zu lösen ODER im Falle einer (Teil-)Amputation von Extremitäten - also Hand, Fuß, Arm, Bein > nicht Fingern!

    Womit soll nun eine Abbindung durchgeführt werden, wenn diese wirklich notwendig ist?
    Das Beste wäre natürlich ein vom CoTCCC empfohlenes TQ zur Hand zu haben, also entweder ein CAT oder SOF-T. Ansonsten kann man sich mit 2 Dreiecktüchern & einem Knebel auch behelfen, dies hat man ja auch früher so im EH-Kurs gelernt.
    Mit einem Gürtel würde ich nicht abbinden da man mit der Schnalle zwangsläufig Gewebe einzwickt & was @Tom Moore mit einem "Schlüsselband" meinte weiß ich nicht. Wenn es sich um ein Lanyard handelt, würde ich auch davon abraten, da diese zu schmal sind und dann ins Gewebe einschneiden und dieses zerstören.

    Und, mit einer Abbindung alleine ist es nicht getan, denn wie bekommt man einen Patienten nach einer Abbindung/TQ-Anlage schmerzfrei? Ein angelegtes TQ tut nämlich weh, das kann ich euch aus eigener Erfahrung berichten und, wenn man dann noch gehen muss werden die Schmerzen noch stärker.

    Zusätzlich ist der Blutverlust nicht die einzige Bedrohung. Sehr oft unterschätzt ist die Unterkühlung. Denn jedes Grad Körpertemperatur weniger verringert die Blutgerinnung, also die körpereigene Möglichkeit Blutungen zu stillen, um ca. 10%. Hier ist eine kleine & leichte Alu-/Rettungsdecke viel wert und kann auch Leben retten.

    Ich hoffe, dass ich nicht zu weit ausgeholt und mich verständlich ausgedrückt habe.
    Danke an alle, die sich bis hier durchgekämpft/durchgelesen haben .
    lg
    12er_scout

    Try to leave this world a little better than you found it. (Robert Baden-Powell)

  • @12er_scout
    sehr gut beschrieben

    Ich wollte nicht so ausführlich in diese Thematik eintauchen, da auch ich die Meinung vertrete, dass ein Tourniquet tatsächlich nur als letzte Möglichkeit verwendet werden sollte.

    Natürlich habe ich kein Lanyard gemeint. Ich verwende einen 5cm Keyholder, welchen ich in Verbindung mit einem Knebel im äußersten Notfall verwenden würde.